• Backpacking in Queensland: Woran ich mich von 2003 noch erinnere

    Am 22. Dezember 2002 traf ich jemanden, der mein weiteres Leben – zumindest für ein paar Monate – verändern sollte.

    Genauer gesagt, er traf mich.

    Rechtwinkelig. Mit ca. 80 km/h sagte der Sachverständige. Mein Fiat Cinquecento flog 40 Meter und mähte 2 Ampeln auf dem Flug um. Meine Beifahrerin war eine Nacht im Krankenhaus wegen Gurtquetschungen und mir brummte der Schädel.

    Als im Februar das Schmerzensgeld kam, gingen wir in ein Reisebüro, weil wir keine Erfahrung damit hatten, so viel Geld auf einmal auf den Kopf zu hauen und professionelle Hilfe brauchten.

    Als wir rauskamen hatten wir Tickets nach Australien in der Hand: Auf zum Backpacking!

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    Backpacking im Sommer!

    Als ich im April 2003 in Brisbane aus dem Flughafen lief, wurde mir schlagartig klar, dass irgendwas nicht stimmte.

    Ich hatte Shorts, Chucks und ein dünnes T-Shirt an. Und es war verdammt kalt. “What the fuck kind of a spring is this”, fragte ich den nächststehenden Australier.

    “The kind of spring that you call autumn, mate” sagte er mit einem freundlichen Lächeln.

    Ich hatte einen deutschen Sommer gegen einen Australien Winter eingetauscht. Weil ich meine Hausaufgaben nicht gemacht hatte.

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    Brisbane

    Wir verbrachten ein paar Tage in Brisbane, bevor es die Küste nach Norden ging. Meine Damalige Marilisa hatte ein Date in Cairns mit einer Sprachschule und wir hatten ca. 6 Wochen Zeit, die Küste hoch zu kommen. Das Fortbewegungsmittel unserer Wahl war ein 10.000 km Greyhound-Pass. Heute würd’ ich’s nicht mehr machen, aber 2003 war es eine super Lösung. Anrufen, buchen und mit dem Bus ein paar Tausend Kilometer schlafend hinter sich bringen.

    Wir schauten uns den Lone Pine Koala Sanctuary an, eine Handvoll Kneipen und Konzerte. Dann ging’s wieder ab in den Bus, die Küste hoch!

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    Noosa Heads

    Im Nachhinein irgendwie komisch, dass wir hier gelandet sind. Der Ort war nicht sonderlich schön damals, aber unfassbar teuer. Wir fanden irgendwie ein günstiges Apartment und wunderten uns noch, wieso das so günstig ist. Als wir einzogen wussten wir’s: Da lagen schon 2 Engländer drin!

    Wir nahmen ein paar Surfstunden (“You stand after 3 hours or your money back!”) und tranken eine Menge Bier.

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    Hervey Bay

    … war soweit ich mich erinnere echt schön. Klar, in erster Linie war es das Sprungbrett nach Fraser Island aber unser Hostel war echt nett. Die Engländer, die wir in Noosa im Apartment gefunden hatten, waren auch da – nicht das letzte Mal, dass wir die selben Leute wieder (und wieder) treffen sollten.

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    Fraser Island

    Das Highlight schlechthin. Mit 6 Leuten mieteten wir uns einen Landrover mit Campingausrüstung und los ging es. Ich glaube wir waren 2 oder 3 Nächte dort – die kältesten Nächte überhaupt. Hinter einer kleinen Düne lagen wir im Zelt und zogen nach und nach alles an, was wir bei uns hatten.

    Tagsüber war Fraser Island wunderschön und warm. Dschungel-Fourwheeling und ausgedehntes Sonnen und Baden in Seen wechselten sich ab mit Lagerfeuer und Grillen.

    Wie es sich gehört.

    Am zweiten Abend lernte ich am Lagerfeuer von einem hilfsbereiten Amerikaner das Wort “Streaking”, wie es sich anfühlt und was meine Freundin davon hält. Die zweite Nacht war noch kälter als die erste.

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    Airlie Beach

    Ein Tipp: Abends Abschiedsumtrunk bis Mitternacht, von der Kneipe in den Greyhound, um 8 Uhr morgens am Ziel ankommen und direkt vom Bus in die Tauchschule ist eine blöde Idee. Gut, wir sind nicht ertrunken. Das war’s dann aber auch schon und seit 2003 fragt mich jeder, der meinen Tauchausweis sieht, ob ich mein Alkoholproblem mittlerweile im Griff habe. (Das Foto für den Ausweis wurde um 8:20 an besagtem Tag gemacht).

    Wie lernten tauchen, plantschten 2 Tage im Pool rum und dann ging’s Richtung Great Barrier Reef. Der Seegang war – selbst mit Riesenkatamaran – so schlimm, dass wir uns unter die Betten legten und mit Hilfe unserer Rucksäcke arretierten, damit wir wenigstens ein paar Minuten schlafen konnten.

    Das Tauchen selbst war natürlich grandios und sollte nicht das letzte Mal gewesen sein!

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    Cairns

    Wir kamen in Cairns an und mieteten ein Apartment für einen Monat. Lisa ging zur Sprachschule und ich drehte Daumen. Am 2. Tag bekamen wir einen Anruf von 3 Engländern, die wir in Airlie Beach beim Tauchkurs getroffen hatten. “Can we crash at your place tonight?” sagten sie und wir sagten ja.

    Wir sollten sie bis zum Ende nicht mehr los werden.

    Cairns war ein sehr ruhiger, kleiner, beschaulicher Ort. Fast verschlafen. Natürlich gab es die Backpackerkneipen in denen Violent Femmes hoch und runter liefen. Und natürlich gab es diese Fünfergruppen Englischer Halbstarker mit hochroter Birne auf der Suche nach Streß. Aber ansonsten war das alles ganz entspannt. Das einzig wirklich Merkwürdige an Cairns war, dass es mindestens ein Duzend Tattoo-Studios gab – ungefähr ein Duzend mehr als Cairns gebraucht hätte.

    Ich schaute mir ein paar Designs an, konnte mich aber nicht so recht entscheiden und wusste ja, dass ich jederzeit in eins der viel zu vielen Studios einfach reingehen könnte. Die hatten ja keine Kunden!

    Wir schliefen lang, kochten Mittagessenfrühstück und drifteten dann Richtung Bar, da wir nahezu jedes Spiel der Rugby-WM live in Kneipen guckten.

    Nach zwei oder drei Wochen stand ich morgens auf dem Balkon des Apartments und mir fiel ein Wolkenkratzer auf. Das auffällige an dem Wolkenkratzer war, dass er am Vorabend noch nicht da gewesen war.

    Wir liefen wie immer am Strand entlang Richtung downtown und sahen, dass der Wolkenkratzer ein Amerikanischer Truppentransporter war. Die erste Welle Infanteristen auf dem Weg vom Irak nach Hause. Der erste Landgang. Cairns war nicht wieder zu erkennen.

    In allen Kneipen standen nun Tische auf der Tanzfläche. An den Tischen saßen Junge Männer mit adrettem Haarschnitt, einem Bier, einer Packung Marlboro und einem Sturmfeuerzeug rechtwinkelig ausgerichtet auf dem Tisch und einem stieren Blick auf irgendwas, das sonst niemand sehen konnte, im Gesicht. Tag und Nacht fuhr die “Shore Patrol” mit kleinen Bussen im Schrittempo die Straßen ab. Rechts und links vom Bus gingen Soldaten in schmerzhaft weißen Uniformen, die besoffne Soldaten vom Boden aufsammelten und in den Bus warfen.

    Und die Tattoostudios hatten nun alle Schlangen von Soldaten bis auf die Straße. Keine Chance auf ein Tattoo.

    Also kaufte ich mir ein Skateboard.

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    Cape Tribulation

    Anna, einer unserer Hausgäste, hatte ein kleines Wohnmobil dabei. Ungeahnte logistische Möglichkeiten für Busfahrer! Wir fuhren für ein Wochenende nach Cape Tribulation in den Regenwald. Dort angekommen machten wir, was jede Gruppe, die zu 3/5 aus Engländern bestand tun würde: Wir suchten uns ein Pub mit Fernseher und schauten die Rugby-Weltmeisterschaft weiter.

    Anna's Toyota Bus - sehr ähnlich unserem Campervan für die nächsten 4 Monate

    Anna’s Toyota Bus – sehr ähnlich unserem Campervan für die nächsten 4 Monate

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    Diving the famous Cod Hole

    Mittlerweile war in Cairns so was wie Winter (im Süden Australiens gibt es ja sowas wie Jahreszeiten, im tropischen Norden kann man sich darüber streiten – da ist es ja eigentlich nur nass und heiss oder nasser und heisser).
    Trotzdem hatten wir Glück, da die Preise für Tauchausflüge so im Keller waren, dass wir uns mit einem Backpackerbudget eine Woche auf der “Spirit of Freedom” leisten konnten – Luxustauchschiff mit Koch und mehr Personal als Tauchern.
    Wir fuhren fast einen Tag nach Norden um mit den gefleckten Riesenzackenbarschen zu tauchen. Netterweise bekamen wir auch noch eine Unterwasserkamera dazu.

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    Julia Creek

    Marilisa und ich entschieden einstimmig (soll heißen, wir brüllten bei der Unterhaltung meist gleichzeitig), dass es wohl besser sei, wenn wir ein Stück des Australischen Kontinents zwischen uns bringen. Ich hatte gerade ein paar Tage in Cairns durchgefeiert und brauchte mal eine Pause. “Julia Creek” antwortete der Greyhoundtelefondienstmann auf meine Frage, welches der kleinste Ort ist, der von Greyhounds angefahren wird.

    Knapp 1000 Kilometer später finde ich mich in besagtem Julia Creek. Es gibt eine Bar, ein Motel, eine Bücherei, ein Café und einen Skatepark. Insbesondere der Skatepark ist super, schließlich hab ich mir grad aus Langeweile ein Skateboard gekauft.

    Da es in Julia Creek kaum Jugendliche und kaum saubere, geteerten Flächen gibt, bin ich auch der Einzige.

    Ich entgifte in meinem Motelzimmer, genieße eine Grippe, skate ein bisschen und hänge fast 2 Wochen mit den Eisenbahnarbeitern von Julia Creek rum.

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    Alice Springs

    Nach 3 Monaten und 12 Stunden im Bus komme ich in Alice Springs an. Marilisa ist schon dort und wir schauen uns gemeinsam Uluru an. Ich verschieße 8 Filme und am Ende ist auf allen Bildern das selbe Motiv drauf. Ich hab im Filmzeitalter schon fotografiert, wie es mit Digitalkameras (vielleicht) Sinn macht. Als wir am Parkplatz ankommen, stellen wir fest, dass der Bus schon weg ist. Wir fragen wildfremde Leute und das erste Paar nimmt uns mit und fährt uns zur Jugendherberge.

    Nach 2 Tagen in Alice Springs signalisiert mir das Universum, dass es nun Zeit ist, nachhause zu fliegen. Alle Kreditkarten sind gesperrt und ich habe noch genau so viele Dosen mit Baked Beans wie ich brauche, um nach Sydney zu kommen. Virgin fliegt mich am nächsten Tag nach Sydney und 12 in einem Flughafenmotel totgeschlagene Stunden später liege ich in einer Lufthansamaschine nach Frankfurt. Es gibt Essen und Bier und als ich die Augen wieder aufmache landen wir in Frankfurt.