• Exmouth und Cape Range National Park – ein Platz zum Altwerden

    “Dreh Dich mal langsam um” sagt Kerstin und ich drehe langsam den Kopf. 2 Meter vor unserem Camper steht ein großes Känguru und legt den Kopf schief.

    Das Känguru wohnt hier.

    Wir auch.

    Ich nehme die Kamera und bewege mich langsam auf “Ruggedy” zu – unsere Vorgänger auf dem Campingplatz haben uns den Namen des großen Hopsers verraten, bevor sie abgefahren sind. Den Namen hat er durch sein eines Ohr, das etwas angeknabbert aussieht. Rugged eben.

    Ruggedy springt die Dünen hoch und ich folge ihm ein paar Schritte. Nach wenigen Metern öffnet sich der Dünenkamm und gibt den Blick auf hellblaues Wasser frei, das einladend in unserer Privatbucht wartet.

    (Davon gibt’s übrigens ein Video – zu sehen auf unserer Facebook Page: http://www.facebook.com/australienimwohnmobil.de)

    Na gut, ganz privat ist die Bucht nicht. Es gibt auf diesem (wunderbarerweise “T-Bone” genannten) Campingplatz noch 2 andere Plätze für Camper. In Worten: Zwei.

    Während Ruggedy über die mit verbrannten Grasbücheln bewachsene Savanne des Nationalparks hüpft, flipfloppe ich mich Richtung Wasser. Nirgends habe ich den Unterschied zwischen roter, verbrannter Wüste und farborgasmisch blauem Ozean so deutlich gesehen, wie hier. Zwei Schritte in die eine Richtung ist unser Camper, der im Schatten eines Nadelbaumes auf roten Sand der Sonne trotzt. Zwei Schritte in die andere Richtung wartet weißer, feiner Sand, eine menschenleere Bucht und perfekt temperiertes Wasser – ohne Seewespen, ohne Krokodile und mit – so wurde mir versichert – schüchternen und wohlgenährten Haien, die sich in der Geschichte des Parks noch nie an Menschen verköstigt haben.

    Wir hatten unseren Platz ursprünglich nur für eine Nacht gebucht. Es kostet zwar nur 7$ pro Person, hier zu campen. Aber der Buchungsprozess ist relativ kompliziert. In Exmouth selbst (ca. 50km entfernt) muss man ins Büro des DEC – Department of Environment and Conservation. Dort muss man anfragen, welche Camp Sites verfügbar sind. Die Dame dort funkt den Ranger am Eingang des Parks an. Der Ranger funkt mit Freiwilligen “Camp Hosts”, die jeweils für ein paar der ca. ein Duzend kleinen Campingplätze verantwortlich sind und selbst vor Ort campen. Dann kann man seinen Campingplatz für 90 Minuten reservieren – genug Zeit, um zum Rangerhäuschen zu fahren. Dort zahlt man die Eintrittsgebühr für den Park (oder auch nicht, wenn man wie wir einen Monatspass für alle Nationalparks in Western Australia hat). Der Ranger schickt einen zu den zuständigen Camp Hosts. Dort löhnt man seine 7$ pro Nase und schon hat man einen Campspot. Wenn man schon in Parknähe ist kann man auch das DEC-Office links liegen lassen und direkt zum Ranger fahren – wenn sie denn da ist.

    Auf dem Weg nach Exmouth hatten wir an einem Roadhouse gehalten. Vorsichtig waren wir an einen Unterstand herangefahren, um die Höhe zu testen und sicher zu gehen, dass wir nicht irgendwo mit unserem Bruce hängenbleiben. Wir waren ausgestiegen, hatten ein bißchen Bruce Springsteen im Radio und standen mit unseren langen Ärmeln und Sonnenschutzkopfbedeckungen im Schatten während wir unser Brot aßen.

    Mit einem WOSCH schoß ein kleiner, abgeranzter Wicked Camper an uns vorbei, legte eine Vollbremsung im Unterstand hin. Die Türen sprangen auf und 4 Mädchen in Bikinis und offenen Hotpants mit allerlei Accessoires und zwei Jungs in Badehose und mit Tingeltangelboblockenkopf ritten auf Wellen von französischem Hardcoretechno aus dem knallbunten Bus heraus.
    Als ihre nackten Füße den roten Sand berührten fingen ihre Körper an zu zucken und zu wippen, die angewinkelten Arme zeigten in den Wüstenhimmel während die Köpfe nickten und die Knie im Takt gebeugt wurden.
    Ich hab das immer bewundert, wenn Leute so ausgelassen Tanzen können. Meine kleine Schwester ist so. Da brauchts auch nur 2 Takte UNZ UNZ UNZ ding ding “O lá lá” UNZ UNZ und schon beginnt der mehr oder weniger kontrollierte epileptische Anfall.

    Nach DEM Schauspiel war ich in unseren halbwegs aufgeräumten (im Gegensatz zu DEREN Bus allerdings tip top organisierten und klinisch reinen) Camper gestiegen und hatte nachgedacht.
    So spontan. So natürlich. So naiv.
    Ich hatte mich alt gefühlt.

    Als ich 2 Tage später vor den selben Kids* stand und ihnen erklärte, dass sie jetzt packen und unseren Campspot freiräumen müssen, weil man sich nicht einfach irgendwo hin stellen kann, wo man will, ohne zu bezahlen, zumindest nicht, wenn jemand anderes dafür bezahlt hat, fühlte ich mich wieder alt. Aber diesmal fühlte es sich gar nicht schlecht an.

    Nicht, weil ich Spaß daran hatte, die Kids rauszuschmeißen. Im Gegenteil, natürlich taten sie mir leid – schließlich wurden sie gerade aus dem Paradies geworfen.
    Aber WIR hatten den Prozess eingehalten und ein Zettelchen in der Tasche, auf dem mein Name, das heutige Datum und die Nummer des Campingplatzes stand.

    Die Kids hatten ihre naive Freiheit.

    Wir hatten einen der beliebtesten Campingspots im Nationalpark.

    Und verlängerten 20 Minuten später.

    Prozesskonform.

    (*Es waren natürlich nicht die selben Kids sondern eine andere Truppe halbnackter Französischer Teenager mit Muskelzuckungen.)