• Tag 1: Stadtrundgang Sydney

    Sydney, 8 Uhr morgens. Zwei durchgeschwitzte, stinkende und sich vor dem Jetlag versteckende Deutsche irren durch Sydney.
    Das Hotelzimmer ist schließlich erst um 14:00 fertig. Ist wahrscheinlich besser so, sonst wären wir am Ende noch direkt in’s Bett gefallen.

    Aus dem Hotel raus, geradeaus, ab in den Hyde Park. Es ist 8 Uhr, zuhause ist es eher sowas wie Mitternacht. Oder früher? Keine Ahnung. So oder so ist es Essenszeit. Die Australien scheinen ein Volk der Esser zu sein – schließlich ist die erste Statue, die wir finden, einem Koch gewidmet.

    Wir finden ein kleines Café, bestellen ein kleines Frühstück und fallen fast vom Stuhl. Nicht wegen Jetlag. Wegen dem Preis. 50$ für ein Frühstück! Wir bestätigen nochmal einstimmig unsere Strategie, im Schnitt nur einmal pro Woche auswärts zu essen und den Rest selber zu kochen. Das ist ja extrem!

    Von 2003 hatte ich das nicht so schlimm in Erinnerung. OK, von der Zeit habe ich auch sonst nicht so viel in Erinnerung.

    Im Hotel hatte Kerstin einen Flyer von einer kostenlosen Stadtführung gefunden. Ich bin ja eher der Anhänger einer “Für Qualität kann man auch mal bezahlen”-Ideologie, wobei das auch oft in sinnlosen Ausgaben endet und wir in der Mitte zwischen uns beiden dann meist einen guten Weg finden. Also gingen wir um 10.30 zur Town Hall, wo die kostenlose Führung losgehen sollte.

    Ein Mädchen stand da alleine auf dem Platz rum und wartete. Sie war allein, wenn man mal von den geschätzten 30 Leuten absah, die um sie herum standen. Wow – damit hatten wir nicht gerechnet. Wir folgten ihr und ihrem knallgrünen T-Shirt, auf dem Imfree.com.au stand. Vor 3 Jahren hat sie sich mit den kostenlosen Stadtführungen selbstständig gemacht – 3 Führungen am Tag und man zahlt am Ende nur ein Trinkgeld, das man für angemessen hält. Das Geschäftsmodell scheint zu funktionieren, da wir auf dem Weg sogar ein paar Touren getroffen haben, die das Konzept kopiert haben.

    Durch den Hyde Park ging es die Straßen Sydneys auf und ab – ca. 25 Stationen mit interessanten Infos und tollen Fotomotiven an einem sonnigen Tag, der warm und immer wärmer wurde.

    “Touristen erkennt man immer daran, dass sie nach oben gucken. Einheimische schauen auf ihre Füße oder Telefone” hat mir Kerstin vor einiger Zeit mal beigebracht. Wir sind bei der Stadtführung stundenlang mit dem Blick gen Himmel gelaufen. Sydney ist schließlich auch eine große Stadt, die riesige Wolkenkratzer sehr schön mit charakteratmenden Backsteinhäusern zu kombinieren weiß.

    Vor dem ersten Krankenhaus von Sydney (das sogenannte Rum-Hospital) kraulte Kerstin ein Schwein, das uns hoffentlich Glück für die Reise bringt. Das Rum-Hospital heißt übrigens nicht so, weil man dort hingeht, wenn man ein Rumproblem hat. (Was ein Glück, sonst wär ich immer noch in Sydney). Stattdessen hat es den Namen seiner Finanzierung zu verdanken: Als Australien bevölkert wurde, kristallisierten sich recht schnell drei Wahrheiten heraus:

    1. Menschen mögen Rum
    2. Der Staat hat kein Geld
    3. Der Staat hat kein Krankenhaus

    Mindestens 2 der 3 sind heute noch gültig. Der erste Gouverneur Macquarie zählte also 1+1+1 zusammen und vergab die Rumlizenzen im Tausch gegen das erste Krankenhaus. Es ist das einzige Krankenhaus der Welt, das komplett durch den Verkauf von Alkohol finanziert wurde.

    Anschließend ging es über Plätze und Straßen, die alle mit ca. 50% Chance Macquarie oder Elizabeth hiessen. Der gute Gouverneur hat sich nämlich selbst für wichtig genug gehalten, über 100 Plätze, Straßen, Seen, Berge und so weiter nach sich selbst zu benennen. Die Orte, die nach seiner Frau Elizabeth benannt sind, nicht mitgezählt.

    Auf dem Weg fielen uns eine Menge Überwachungskameras auf. Danach gefragt, erzählte uns unsere Führerin von einem Treffen der Weltführer 2003 in Sydney. Viele (alle?) wichtigen und respektablen Politiker der Welt und George Bush kamen nach Sydney zu einem Kongress. Die Stadt wurde kurzerhand komplett abgeriegelt (war bestimmt ein Spaß für die Anwohner). eine Comedy-Truppe hatte nun die Idee, die Sicherheitsvorkehrungen zu testen. Sie verkleideten sich als kanadische Delegation, klebte Kanadische Flaggen auf schwarze Autos und zogen schwarze Anzüge an, in denen sie in Schrittgeschwindigkeit neben her gingen. Sie trugen sogar Sicherheitspässe um den Hals, allerdings war auf diese Pässe groß “This is FAKE!” gedruckt.

    Hat keinen interessiert, sie kamen bis vor das Kongresshotel. Dort stieg dann der letzte Comedian aus – als Osama Bin Laden verkleidet und geschminkt.

    Dumm nur, dass die Stadt leer war und die Kameras wohl niemand beobachtete. Den Bin Laden interessierte einfach keinen.

    Also luden sich die Comedians wieder selbst in ihre Autos mit den kanadischen Flaggen und fuhren zurück. Das fiel auf. Wieso wollen die Kanadier denn auf einmal wieder raus aus der Sicherheitszone? Die Sicherheitskräfte rochen Lunte und verhafteten alle Comedians. Ausser Osama Bin Laden, der einfach auf Zehenspitzen durch den Sicherheitskordon ging und verschwand. Die verhafteten Komiker saßen ein paar Monate im Knast und wurden dann – nachts und unter Ausschluss der Öffentlichkeit – einfach wieder frei gelassen.

    So die Geschichte der Reiseführerin. Das Video dazu findet man noch auf youtube.

    Der Stadtrundgang führte uns immer weiter in Richtung des Hafens – klar, Brücke und Oper sind ja die großen Highlights. Wir kamen an, sagten ooooh und aaah und machten ein paar Fotos. Waren aber generell unbeeindruckt von beiden. Wer so ne innige Beziehung mit der Golden Gate Bridge hat wie wir, kann sein Herz nicht mehr an dieses graue, kurze Brückendings hier verlieren.

    Nach dem Hafen allerdings ging es in die “Rocks” – die ersten Quartiere, die in Sydney nach dem “Landfall” der ersten Schiffe gebaut wurden. Jahrelang waren das hier die Slums in denen Gangs hausten. In den 1970ern sollten sie endlich abgerissen werden und neuen Wohnungen Platz machen. Als die Arbeiter dort ankamen um abzureissen, passierte etwas, womit wohl keiner der Reformpolitiker hier gerechnet hatte: Die Abrissarbeiter organisierten sich und waren sich einig, dass dieses Viertel nicht zerstört werden darf, dass es zu wichtig ist für die australische Geschichte. Die Arbeiter selbst warfen sich vor die Bulldozer. Und zwar mehrere Jahre lang bis die Stadt endlich nachgab, die Abrisspläne wegwarf und die “Rocks” liebevoll restaurierte.

    Das Ergebnis kann sich sehen lassen – eine dunkelrote Altstadt aus Backsteinen mit verwinkelten Gässchen, kleinen Geschäften mit kleinen Postkarten und kleinen alten Damen, die sie verkaufen, mit kleinen Restaurants, deren Duft sich in den Gassen zu einer wundervollen Braten-Curry-Obst-Melange verbinden und kleinen Fenstern, die sich in schmalen Häusern gen Himmel recken und einem zeigen, dass die Welt (und hier besonders Australien) vor 200 Jahren noch nicht ganz so weitläufig und anonym war.

    Nichtmal die Tauben hielten hier Abstand – die hier saß auf unserem Mittagessentisch!

    Nach einer stundenlangen Suche nach SIM-Karten für unsere Handys waren wir so gegen 6 wieder im Hotelzimmer. Die geplante Hafenrundfahrt wurde spontan gestrichen und gegen Auspacken-Duschen-Gadgets-Laden-Fernsehen-Einschlafen ausgetauscht. Schließlich waren wir nun 48 Stunden wach (wenn man die 6h im Flieger abzieht) und am nächsten Tag mussten wir fit sein: Linksverkehr!

    Im Dezember sind wir wieder in Sydney. Was sollten wir uns anschauen??

    Gelaufen: ca. 8 km. 1 davon mit dem Gepäck in den Händen
    Gegessen: Wrap und “Lifestyle-Frühstück”, lasche Asianudeln, Pumpkin Soup und Bangers n Mash (Worscht mit Kadoffelbrei)
    Getrunken: Eistee, Kaffee und IGP – Itchy Green Pants Australian Cloudy Ale
    Gesehen: Opera House, Harbor Bridge, diverse Museen, the Rocks, Australische Nachrichten (im TV)
    Gehört: Die euphorische Stimme der Fremdenführerin